40-Millionen-Pavillon: Der Name ist ab, die Fragen bleiben

Sang- und klanglos ist der Schriftzug von Factory Hammerbrooklyn am Stadtdeich verschwunden, geblieben ein Klingelschild für die Post. Diesen Pavillon will die Stadt für mehr als 40 Mio. Euro kaufen und zum Startup-Zentrum machen. CDU und Linke wollen vorher Antworten – bekommen haben sie bisher keine. HAMMERBRONX auch nicht.

Am Stadtdeich 2-4, zwischen Deichtorhallen und Großmarkt, steht der Pavillon, der 2015 der US-Beitrag zur Weltausstellung in Mailand war: Stahltragwerk und Dachträger wurden dort abgebaut und hier wieder aufgerichtet, die grünen Lamellen an der Fassade sollen an die vertikale Farm, die in Mailand daran wuchs, erinnern. Überm Eingang hängt ein roter Kubus. Die Fläche darunter ist inzwischen leer.

Noch mindestens bis Ostern dieses Jahres stand dort in weißen Buchstaben: Factory Hammerbrooklyn.

Wer den Namen sucht, findet ihn ein paar Meter weiter an der Klingelanlage. Oberstes Schild, klein gedruckt, dahinter in Klammern: „(POST)“. Die Schilder darunter sind leer. Verlassen ist der Pavillon deshalb nicht: Im Erdgeschoss klebt ein Studio-Logo an der Scheibe, an einer anderen Tür hängt ein welliger Zettel. Bitte klopfen, steht darauf. Post und Pakete nehme man gern entgegen.

Für diesen Pavillon sollen 40,435 Millionen Euro aus dem Hamburger Haushalt fließen.

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Die Wette des Senats

Was hier entstehen soll, steht in einer Senatsdrucksache vom 25. August, über die HAMMERBRONX am Dienstag zuerst berichtet hat: die zentrale Adresse für Hamburgs Gründerinnen und Gründer, mit Beratungs- und Förderangeboten sowie Transferstellen der Hochschulen unter einem Dach. Die Vorlage nennt den Ort einen „Leuchtturm“ und einen „Heimathafen“.

31,4 Millionen Euro kostet der Pavillon selbst. Weitere knapp 8,74 Millionen Euro entfallen auf Steuern, Notar und Grundbuch, Erbbauzins, Umbau und Ausstattung. Hinzu kommen 300.000 Euro Betriebshilfe fürs erste Jahr, weil sich der Betrieb 2027 noch nicht trägt. In den 1,63 Millionen für die Ausstattung stecken Büromöbel, Küche, ein Gebäudeleitsystem – und eine LED-Leinwand auf der Außenfläche. Welche Außenfläche, sagt die Drucksache nicht. Frei wäre nun jedenfalls mindestens eine.

Dass sich der Kauf als reine Immobilienanlage nicht rechnet, schreibt der Senat selbst. Er begründet ihn mit einer Wette: Bleibe durch das Zentrum im Schnitt auch nur ein zusätzliches erfolgreiches Startup pro Jahr in Hamburg, entstünden über 20 Jahre 106 Millionen Euro zusätzliche Wertschöpfung. Diese Modellrechnung ist der Kern der volkswirtschaftlichen Begründung für die 40-Millionen-Entscheidung.

Klingelschild Factory Hammerbrooklyn am Stadtdeich mit dem Zusatz POST
Der Name Factory Hammerbrooklyn ist am Pavillon nur noch an der Klingelanlage zu sehen – mit dem Zusatz „POST“, darunter zwei leere Felder. (Foto: HAMMERBRONX)

5 Monate Lücke am Stadtdeich

Vorerst entsteht am Stadtdeich allerdings eine Lücke: Zum 31. Oktober streicht Factory sämtliche Campus-Mitgliedschaften und festen Coworking-Plätze, in Hamburg wie in Berlin. Vom 1. November an kommen die Betroffenen nicht mehr rein. Firmenadressen und Postempfang bleiben, langfristige Büroverträge laufen weiter.

Belegt werden soll das neue Zentrum frühestens am 1. April 2027 – und auch das nur, wenn die Verträge zügig beurkundet sind und der Umbau nicht länger dauert als geplant. Dazwischen liegen mindestens fünf Monate.

„Nicht erneut gegen die Wand fahren“

Die CDU-Bürgerschaftsfraktion hält ein zentrales Startup-Zentrum für richtig. Dieses Geschäft nennt Julian Herrmann, Sprecher der Fraktion für Start-ups und Innovation, auf schriftliche Anfrage von HAMMERBRONX allerdings „massiv erklärungsbedürftig“.

Julian Herrmann (CDU) vor dem Hamburger Rathaus
Julian Herrmann, Sprecher der CDU-Fraktion für Start-ups und Innovation, nennt den geplanten Pavillon-Kauf „massiv erklärungsbedürftig“. (Archivbild; Foto: Wikimedia Commons)

„Gerade am Standort Hammerbrooklyn kann man nicht so tun, als gäbe es keine Vorgeschichte“, schreibt er. „Schon einmal wurde dort unter großen Ankündigungen ein Leuchtturm der Hamburger Innovationspolitik versprochen.“ Damals habe die CDU davor gewarnt, einen hochattraktiven Standort langfristig zu vergeben, bevor das Konzept durch verbindliche Partner und Nutzer abgesichert sei.

Jetzt solle die Stadt ausgerechnet diesen Pavillon übernehmen, während die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten auf dem Areal beim privaten Projektentwickler blieben – Flächen, die seinerzeit ebenfalls per Direktvergabe vergeben worden seien. Herrmann: „So entsteht der Eindruck, dass die attraktiven privaten Entwicklungsmöglichkeiten erhalten bleiben, während die Stadt nun das Risiko des gescheiterten Herzstücks übernimmt.“

Das Gutachten allein reicht ihm nicht. „Auch ein Verkehrswertgutachten macht daraus noch kein gutes Geschäft.“ Entscheidend sei, ob sich für eine derart spezielle Immobilie überhaupt ein privater Käufer zu diesem Preis fände. „Wenn die Antwort darauf nein lautet, stellt sich umso mehr die Frage, warum ausgerechnet der Steuerzahler die Folgen einer zuvor gescheiterten Direktvergabe auffangen soll.“

Und: „Ein Startup-Zentrum darf nicht zum nachträglichen Reparaturbetrieb für ein schlecht gescheitertes Vorgängerprojekt werden.“ Der Senat müsse darlegen, warum er das Projekt „mit diesem Kauf nicht erneut gegen die Wand fährt“.

Vorfestlegen will sich die Fraktion nicht. „Einen Blankoscheck über mehr als 40 Millionen Euro wird es von uns jedenfalls nicht geben.“ Eine erste Schriftliche Kleine Anfrage ist raus, weitere sollen folgen.

Da wird gekürzt, hier wird gehofft

Auch die Linksfraktion hält die Ausgabe auf Grundlage der bislang vorliegenden Drucksache derzeit nicht für gerechtfertigt. Vor einer Entscheidung müsse unter anderem geklärt werden, wie Kaufpreis und Modellrechnung zustande gekommen seien – und was der Senat aus der Vorgeschichte von Hammerbrooklyn gelernt habe, sagt Xenija Melnik-Üzüm, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und wirtschaftspolitische Sprecherin, im Gespräch mit HAMMERBRONX.

Besonders skeptisch macht sie die Rechnung mit dem einen Startup pro Jahr: Sie verweist auf Studien, nach denen 90 Prozent der Gründungen scheiterten – die Annahme, dass durch das Zentrum im Schnitt ein zusätzliches Startup pro Jahr erfolgreich sei und langfristig in Hamburg bleibe, hält die Annahme für zu optimistisch. Hinzu kommt ein Vergleich aus den laufenden Haushaltsberatungen: Bei sozialer Infrastruktur, die keine Gewinne abwerfe, heiße es regelmäßig, das Geld sei nicht da. Beim Pavillon werde dagegen großzügig mit künftigen Erfolgen gerechnet.

Melnik-Üzüms Kritik richtet sich auch gegen die Konstruktion rund um Impossible Founders. Auf die Förderentscheidungen der mit Bundesmitteln und privatem Geld finanzierten Startup Factory habe der Senat keinen direkten Einfluss, sagt sie. Aus Sicht der Linken müsse öffentliche Startup-Förderung deshalb an soziale, ökologische und gemeinwohlorientierte Kriterien gebunden und parlamentarisch steuerbar sein.

Vier Adressen, keine Antwort

Von der Wirtschaftsbehörde wollte HAMMERBRONX wissen, wie der Verkehrswert zustande kam, welche Alternativen zum Kauf geprüft wurden, wer die Modellrechnung aufgestellt hat und wer für ein Defizit ab 2028 aufkommt. Art-Invest als Projektentwickler sollte sagen, was den Verkauf ausgelöst hat, erklären, seit wann verhandelt wird und was aus dem übrigen Campus werden soll. Impossible Founders, wie weit die Vereinbarung gediehen ist, wann der Umzug kommt und zu welchen Konditionen.

Die Frist bis Freitagmittag ließen alle kommentarlos verstreichen; bis zum heutigen Redaktionsschluss antwortete keine der vier angefragten Stellen.

Auch von Factory kam nichts. Gefragt war, wie viele Mitglieder das Aus betrifft, wie ausgelastet der Pavillon zuletzt war und welche Rolle das Unternehmen hier künftig spielt. Die HAMMERBRONX-Mail ging an die Hamburger Adresse und in Kopie ans Berliner Haupthaus.

Aus Hamburg kam sie zurück: unzustellbar.


Verwendete Quellen
» Vor-Ort-Recherche und Fotodokumentation am Stadtdeich (März-September 2026)
» Presseanfragen und Gespräche: schriftliche Stellungnahme von Julian Herrmann, Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion für Start-ups und Innovation, Telefonat mit Xenija Melnik-Üzüm (Die Linke) sowie bis zum 7. September 2026, 16 Uhr unbeantwortete Anfragen an Wirtschaftsbehörde, Factory, Art-Invest und Impossible Founders
» Hamburgische Bürgerschaft: Drucksache 23/5118 – Einrichtung eines Innovations- und Startup-Zentrums in Hammerbrook (25.8., veröffentlicht 27.8.)
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